Suche in fretter-online.de
Besucherzähler

Heute:157
Gestern:315
dieser Monat:5708
dieses Jahr:62500
seit 09/2010:565143
Start Presse 2010 Kinderkönig und Apfelexperiment

Kinderkönig und Apfelexperiment

In gesel­liger Runde beschließt Schrift­steller Dr. Hans Pfeiffer entgan­gene Schu­ler­leb­nisse nach­zu­holen. Was Heinz Rühmann ("Pfeiffer mit drei F") in dem Film­klas­siker "Die Feuer­zan­gen­bowle" erlebt, basiert auf einem Roman von 1933.
Kann man entgangene "Erlebnisse" wirklich nachholen? Friedhelm Tomba (47) machte die Probe aufs Exempel und wurde für einen Tag wieder zum Dreikäsehoch. Da er früher selbst nicht im Kindergarten war, fand er die verpasste Zeit nun zwischen Bauecke und Villa Kunterbunt wieder.

Das Handy bleibt diesmal zu Hause. Wer ruft schon ein dreijähriges Kind an? Ich bin gespannt, was mich erwartet. Der St. Matthias Kindergarten in Fretter hat in der Region eine Vorreiterrolle eingenommen. "Offene Pädagogik" - da kann mir nicht viel darunter vorstellen.
Die Innentüren der Einrichtung sollen offen stehen - die kleinen Hauptdarsteller entscheiden, welchen Raum sie zum Spielen, Basteln oder Lernen besuchen. Das Konzept hat sich rumgesprochen, Kindergartenvertreter anderer Ortschaften melden sich zur Stippvisite an. Mal gespannt, was mich erwartet. Der erste Eindruck soll bekanntlich der Beste sein. Ich öffne die Tür - und stehe schon mitten im Geschehen.
Kein kalter Flur, keine unansehnlichen Garderobehaken. Der Eingangsbereich geht sofort in eine schnuckelige Cafeteria über. Matthis und Emma lassen sich ihren mitgebrachten Joghurt schmecken. Dazu wird ein "magischer Obstteller" gereicht - Frau Kiefer vermischt den Erzieherinnenberuf mit den Aufgaben einer flotten Cafeteriakellnerin. Die Stühle sind für meine Gewichtsklasse allerdings etwas klein geraten - trotzdem nehmen mich Matthis und Emma sofort als "Neuen" mit in die Gemeinschaft auf.
"Matthis ist mein Freund" macht Emma mir unmissverständlich klar. Während meine anderen Kollegen bereits Bau- und Forscherecke durchstöbern, bleibt das befreundete Paar in der Cafeteria sitzen. Erst als Kindergartenleiterin Birgit Rossmann "Aufstellen zum Kindertreff" ruft, erheben sich auch Matthis und Emma. Aus allen Ecken strömen plötzlich Kinder hervor und stellen sich wie zu einer Polonaise im langen Flur auf. Die Karawane zieht in die Turnhalle, die Jungen und Mädchen bilden mit den Erzieherinnen einen großen Kreis. Auf einer großen Tafel wird das Datum des Tages analysiert. "Lieber Gott, lass uns heute wieder gut vertragen."
Nach dem Morgengebet bin ich für Sekundenbruchteile wieder in der Welt der Erwachsenen - um genau zu sagen: In einer All- Inklusivanlage auf einer karibischen Insel. Dort wurde auch morgens das hoteleigene Tagesprogramm vorgestellt. "In der Künstlerwerkstatt erwartet euch Frau Kukuk, Frau Schrage bereitet im Forscherraum ein Experiment vor, im Nestchen passen Frau Hengesbach und ich auf Ruhe suchende Kinder auf. Die Turnkinder gehen zur Frau Grewe und die Grüne Gruppe bereitet sich mit Frau Gerk auf die Geburtstagsfeier vor. Wer Hunger hat geht zu Frau Kiefer in die Cafeteria."
Birgit Rossmann hat den Kids erklärt, was heute so alles im Kindergarten los ist. Cafeteria wäre nicht schlecht, doch mein neuer Freund Matthis feiert heute seinen Geburtstag nach. Also geht es mit dem frisch gekrönten "Kinderkönig" - selbstverständlich in Begleitung von Emma - zunächst in die Künstlerwerkstatt. Das Geburtstagskind will ein Bild malen und bekommt von Frau Kukuk einen Malkittel angezogen. Während Matthis Farben ausprobiert, unterhalte ich mit der Kindergartenleiterin. "Wir halten alles auf Papier fest, während der Erzieherinnenkonferenz besprechen wir dann, was die einzelnen Kinder heute alles gemacht haben. Damit wird verhindert, das sich Kinder auf ein nur ein bestimmtes Angebot beschränken." Ach ja, schon vergessen: Die Türen im Kindergarten stehen ja offen! Mir tun sich völlig neue Welten auf, alt verstaubtes Denken über den Tagesablauf in Kindergärten gehört der Vergangenheit an.
Die Jungen und Mädchen hören bei der täglichen Kinderkonferenz genau zu, danach kann man überlegen, wo man hingeht und mit wem man spielt. Das neue Konzept wird dankbar angenommen.
Matthis zieht sich nach 20 Minuten den Malerkittel wieder aus. "Na, hat alles geklappt" will ich wissen. "Nee" lautet die kurze Antwort. Frau Kukuk faltet das Werk von Little Picasso und legt es in eine dicke Mappe. Das "Leben und Werken" der Kinder wird mit vielen handschriftlichen Vermerken in speziellen Ordnern dokumentiert, Fotos halten so manche Szene für Immer fest.
Nach der Kindergartenzeit dürfen die Eltern den Ordner zu Hause als Erinnerungsstück aufbewahren. Das Kind mit der Geburtstagskrone steuert derweil zielstrebig auf das "Nestchen" zu. Hier haben die Minis ihre Ruhe. Kuschel- und Leseecke, Verkleidungskiste und Höhle sind für den Dreijährigen Matthis ein idealer Rückzugsraum. In der All-Inklusivanlage stände jetzt nach Wasserball und Tischtennis relaxen am Strand auf dem Programm. Die kleine Anika genießt die Nähe der Erzieherinnen und kuschelt sich an Frau Rossmann. Mit zwei Jahren benötigt man viel Wärme. Zeit, um in die Turnhalle zu schauen. Flotte Musik und springende Kinder.
Diego packt mich sofort an den Arm. "Willst Du mitmachen?" Ich beschränke mein Dasein lieber aufs zusehen. Es geht zurück ins Nestchen, was macht eigentlich Matthis? Er wird gerade abgeholt. Freundin Emma reitet als Prinzessin auf einem "Pferd" herein. "Matthis, komm mit ins Schloss." Der Gerufene steht sofort auf, durchquert Flur und Cafeteria (in der Obst sowie Steck- und Hammerspiele heiß begehrt sind) und geht zielstrebig in die Villa Kunterbunt. Der Raum ähnelt tatsächlich einem Schloss, Prinzessin Emma lädt ihren Freund an die gedeckte Kaffeetafel. Louise komplettiert die Idylle am Tisch. Der König sitzt auf einem großen Thron. Der Raum gehört jetzt ganz dem im Spiel vertieften Trio.
Nebenan im großen Forscherraum werden unter Aufsicht von Frau Schrage Äpfel zerkleinert. "Wenn man Zitronensaft über die Äpfelstücke schüttet, werden sie nicht so schnell braun. Das liegt daran, dass Zitronen ganz viel schützendes Vitamin C enthalten." Mit kindgerechten Messern geht es den Äpfeln ans Eingemachte.
König Mattis schaut herein - ohne Krone. "Wo ist denn deine Krone?" Emmas Stimmchen aus dem Hintergrund klärt den Fall auf. "Die hat er in der Villa Kunterbunt liegen gelassen." Ich erkläre mich bereit, dem Geburtstagskind zu seiner Krone zurück zu helfen.
In der Villa Kunterbunt empfängt mich ein "gut, komm rein - aber sei leise. Ich schlafe." Louisa liegt im Prinzessinnenbett und genießt die Abwesenheit jeglicher menschlicher Existenz. Die Geburtstagsfeier geht los, Frau Gerk führt König und Gästeschar hinaus in den Garten ins nagelneue Holzhaus. Drei Kerzen, Kekse von Matthis Mama und eine Schatztruhe lassen Kinderaugen strahlen. Lustige Lieder und Spiele - und schon ist meine Kindergartenzeit beendet. Obwohl: ich könnte noch ein Stündchen dran hängen.
Auf dem Speiseplan für die "über Mittag Kinder" steht Schnitzeltopf, Knödel, Gemüse und Eis. Doch der Ausflug a la´ Heinz Rühmann geht unwiderruflich zu Ende.
Das Handy wird wieder eingeschaltet. "Fünf Anrufe in Abwesenheit." Der Aufenthalt im Kindergarten steht für eine kurze, aber unbeschwerte Zeit.